Gemeinsame Verantwortung – Regionale Versorgungsplanung Gesundheit

Die Wiener Zentralisierungstendenzen sind nicht förderlich für die Salzburger Gesundheitsversorgung

Aus der Kammer

Ärztekammer, Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer luden am 30.10.2017 zu einer Pressekonferenz. LH-Stv. Mag.Dr.Christian Stöckl vom Gesundheitsressort Land Salzburg und Obmann Andreas Huss von der Salzburger Gebietskrankenkasse kamen als geladene Experten ebenfalls zu Wort.

„Die Gesundheitsplanung muss regional erfolgen“,

sind sich Salzburger Ärztekammer, Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer einig. Salzburg hat ein gut ausgebautes Gesundheitssystem, auch im Vergleich zu anderen Bundesländern. Probleme werden vor Ort rasch erkannt und Lösungen gemeinsam gesucht. Die Versorgungszahlen sprechen für den Salzburger Ansatz, egal ob bei ärztlicher Versorgung, Psychotherapie oder Spitalsangeboten – Salzburg nimmt innerhalb Österreichs immer Spitzenplätze ein. Die Salzburger sind zusammen mit den Tirolern diejenigen Österreicher, die am längsten gesund bleiben. Die Kompetenz, unsere Gesundheitsversorgung gut und den Bedürfnissen der Menschen entsprechend zu planen, ist in Salzburg vorhanden. Österreichweite Pilotprojekte wie die Lehrpraxis oder die saisonale Jobsharing-Praxis belegen die Innovationsfähigkeit und die Lösungskompetenz der gesundheitspolitischen Akteure in Salzburg. Diese konstruktive gesundheitspolitische Zusammenarbeit vor Ort soll deshalb nicht kurzfristigen Zentralisierungstendenzen geopfert werden.

Salzburg steht gut da: Im Unterschied zu anderen Bundesländern sind so gut wie alle Vertragsarztstellen besetzt, die Spitäler genießen einen guten Ruf, öffentlich finanzierte therapeutische Angebote sind für diejenigen, die sie brauchen, vorhanden. Dafür sorgten zahlreiche gemeinsame Initiativen von Land Salzburg und der regionalen Krankenversicherung.

Das Lehrpraxisprojekt „Salzburger Initiative Allgemeinmedizin“ (SIA) ist das derzeit einzige in Österreich. Gemeinsam mit neuen Modellen der Gruppen- oder Übergabepraxis trägt es wesentlich dazu bei, dass sich junge Mediziner und Medizinerinnen wieder für den Beruf des Hausarztes entscheiden. Die Versorgung des gesamten Bundeslandes mit Spitälern wurde durch zahlreiche Reformen in den letzten Jahren gesichert. Bezirksspitäler in Salzburg können ihre Angebote in hoher Qualität den Patienten in der Region zur Verfügung stellen.

Dass in Salzburg auch die Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft und Krankenversicherung funktioniert, belegen zahlreiche Initiativen der letzten Jahre: die Neuregelung des Bereitschaftsdienstes macht Hausarztstellen wieder attraktiver, das Hausarzt-Notdienstzentrum in der Stadt Salzburg verbessert die Versorgung zu Randzeiten und entlastet die Spitäler, die Salzburger Medikamentenvereinbarung führte zu den niedrigsten Medikamentenausgaben im Österreichvergleich.

Regionale Bedürfnisse berücksichtigen
 

LH-Stv. Mag. Dr. Christian Stöckl, Gesundheitsressort Land Salzburg:

Um unser Gesundheitssystem langfristig und in der bestehenden Qualität finanziell absichern zu können, werden wir nicht umhinkommen, vermeintlich unpopuläre Themen anzugehen, Lösungsstrategien zu erarbeiten und Reformen umzusetzen. Dabei muss aber sehr stark darauf geachtet werden, dass am Ende nicht zentralisierte Einheitslösungen herauskommen. Vielmehr müssen die regionalen Bedürfnisse im Gesundheitssystem berücksichtigt werden und die konkrete Ausgestaltung des Versorgungssystems sollte in den Bundesländern erfolgen. Dabei könnten die Synergien in den jeweiligen Bundesländern stärker genutzt und Entscheidungen flexibler und den regionalen Gegebenheiten entsprechend getroffen werden.

Reformen bei den Krankenkassen sind bereits eingeleitet worden. Dabei muss die begonnene Harmonisierung der Leistungen weiter vorangetrieben werden und es müssen Anreizsysteme geschaffen werden, um die Patientenströme besser lenken zu können. Zudem sollen die gesetzlichen Sozialversicherungen in Zukunft wesentlich stärker in die Gesundheit ihrer Versicherten investieren, bevor sie die Heilung der Krankheiten zahlen müssen.
 

WKS-Präsident Steindl warnt:

"Bei einer Zentralisierung schauen die kleinen Anbieter durch die Finger!"


Präsident KommR Konrad Steindl, Wirtschaftskammer Salzburg:

„Bei einer Zentralisierung der Beschaffung laufen die kleinen Betriebe Gefahr, durch die Finger zu schauen. Denn dann kommt es zu nicht nur zu nationalen, sondern auch EU-weiten Ausschreibungen. Kleine Gewerbebetriebe haben da keine Chance mehr“, ist Steindl überzeugt: „Viele Branchen, von den Orthopädieschuhmachern bis zu den Masseuren, sind Partner der Gesundheitsversorgung bzw. der Krankenkassen im Bundesland Salzburg. Das sollen sie auch weiterhin sein. Gelder der Salzburger Versicherten sollen in Salzburg wieder investiert werden und nicht ins Ausland zu Großanbietern abwandern.“

Diese Politik fährt die WKS schon seit längerem. Steindl erinnert an den Fairness-Katalog bei öffentlichen Ausschreibungen, der mittelstandsfreundliche Kriterien bei der Angebotslegung berücksichtigt, damit auch kleine Anbieter eine Chance haben. Dem Fairness- Pakt haben sich Landesregierung und viele Gemeinden angeschlossen. „Diese Fairness soll auch im Gesundheitsbereich grundsätzlich möglich sein“, fordert Steindl. Daher tritt die WKS zwar für mehr Effizienz in der Gesundheitsversorgung ein, ohne aber die gut funktionierende Partnerschaft zwischen regionalen Gesundheitsanbietern und Sozialversicherungen zu gefährden.

Regional ist günstiger, effizienter und näher an den Menschen dran
 

Präsident Siegfried Pichler, Arbeiterkammer Salzburg:

Für AK-Präsident Siegfried Pichler ist wichtig, dass die Beschäftigten eine gute, regionale Versorgung nutzen können: „Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer finanzieren mit ihren Beiträgen ihre Gesundheitsversorgung, keine Mehrkosten, die in Wien entstehen.“

„Es ist absurd, dass das Bundesthema Wohnbauförderung in die Länder verlagert wird, die zutiefst regionalpolitische Gesundheitsversorgung aber zentralisiert werden soll. Im fernen Wien versteht keiner, warum ein Ort Innergebirg eine medizinische Dienstleistung braucht. Manche sind laut Vorgaben schon jetzt nicht mehr vorgesehen. Aber die GKK ermöglicht viele davon trotzdem – pragmatisch und bei den Menschen. Nur eine Planung nah an den Leuten dran, eine regionale Planung, geht wirklich darauf ein, was die Bevölkerung braucht!“, so Pichler.

Und: Dezentral ist effzienter. „Die Leistungen aller Krankenversicherungen werden ohnehin harmonisiert. Das sorgt für mehr Gerechtigkeit und ist kein Grund, ein bürokratisches Monstrum in Wien zu schaffen. Gerade die regionale Selbstverwaltung verhindert so einen Apparat. Ihre Verwaltungskosten liegen bei rund 2 Prozent – deutlich weniger als das, was mitunter bei Behörden anfällt. Damit sind selbstverwaltete Körperschaften wie etwa auch die Kammern in höchstem Maß effizient und im Sinne ihrer Mitglieder organisiert“, sagt AK-Präsident Siegfried Pichler.

Die Bedürfnisse der Menschen erfassen
 

Obmann Andreas Huss, Salzburger Gebietskrankenkasse:

Für mich zeigt das folgende Beispiel am besten, warum die Gesundheitsversorgung regional geplant werden muss: Als 2015 die Gratis-Zahnspange zentral eingeführt wurde, sind 12 Vertrags-Kieferorthopäden für Salzburg festgelegt worden – auf der Basis objektiver Planungszahlen. Weil es dort zu wenige Kinder gibt, hat der Lungau keinen Kieferorthopäden bekommen. Eine Zahnspange hat ein Kind über mehrere Jahre und sie muss alle 6 – 8 Wochen kontrolliert werden. Lungauer Eltern müssten also regelmäßig mit ihrem Kind eine Stunde nach St. Johann und wieder eine Stunde zurückfahren. Weil wir mit unseren Ärzten und Versicherten im Gespräch sind, haben wir das Problem sehr rasch mitbekommen – und eine Lösung gefunden. Wir haben eine zusätzliche Stelle außerhalb der zentral Vorgegebenen vereinbart. Lungauer Kinder können ihre Zahnspange ab jetzt in Tamsweg erhalten.

Es gibt zahlreiche ähnliche Beispiele, die zeigen, dass eine regionale Verankerung wichtig ist, um die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen. Zentrales Beispiel ist im Augenblick das Primärversorgungsnetzwerk Tennengau. Primärversorgungszentren sind eine gute Idee für Ballungsräume. In unseren Gauen gibt es andere Voraussetzungen als in der Großstadt. Durch unsere Initiative vor Ort haben wir dieses Modell für den ländlichen Raum angepasst. Wir sind sicher, dass wir damit die hausärztliche Versorgung ausbauen und verbessern können.
 

Mit verantwortungsvollen Partnern regionale Lösungen schaffen
 

Präsident Dr. Karl Forstner, Ärztekammer für Salzburg:

„Ja, auch die Ärztekammer Salzburg macht sich Sorgen um die zukünftige flächendeckende Sicherstellung der ärztlichen Versorgung in unserem Bundesland. Im Vordergrund steht hier zweifelsfrei Versorgungssicherheit in der Primärversorgung, also in der Versorgung durch AllgemeinmedizinerInnen.

Der Salzburger Ärztekammer war und ist es aber nicht genug, ein bedrohliches Szenario aufzuzeigen, sondern wir sehen uns in der Verantwortung, hier auch an Lösungen mitzuwirken. In diesem Sinne ist es mir besonders wichtig, darauf hinzuweisen und zu bestätigen, dass wir in der Salzburger Gebietskrankenkasse einen höchst verantwortungsvollen Partner für Lösungsansätze haben. Der Erfolg gibt beiden Institutionen Recht, Salzburg gehört zweifelsfrei zu den Bundesländern mit den wenigsten offenen Stellen bei Vertragsärzten. Es ist aber das bereits angesprochene gute Salzburger Klima, das mich zuversichtlich macht, dass die gemeinsame Verantwortung für die Salzburger Bevölkerung uns auch in Zukunft innovative Lösungen zur Fortentwicklung unseres Gesundheitssystems ermöglichen wird.“

Positivbeispiele
 

Bei der Pressekonferenz wurden die aktuellen Leistungszahlen im Salzburger Gesundheitswesen präsentiert und den anwesenden Medienvertretern verschiedene Projekte als sogenannte, nachfolgend dargestellte Positivbeispiele:

  • Primärversorgungsnetzwerk Tennengau: Der Tennengau soll zur Vorbildregion in der Primärversorgung werden. Ärzte kooperieren mit anderen Gesundheitsanbietern über ein Netzwerk und ent lasten die Spitalsambulanzen.
  • Salzburger Initiative Allgemeinmedizin – so geht Lehrpraxis! Unterstützte Ausbildung zum/r Allgemeinmediziner/in im Bundesland Salzburg.
  • Integrierte psychiatrische Versorgung: Mit dem Projekt sollen psychisch kranke Menschen die Möglichkeit erhalten, außerhalb von Klinikmauern stabilisiert und gut betreut zu werden.
  • Hausarzt-Notdienst-Zentrum (NDZ) und Bereitschaftsdienste: Das „Hausarzt-Notdienstzentrum“ als krankenhausentlastende Maßnahme und das Salzburger Modell des gesamtvertraglich vereinbarten Hausarzt-Bereitschaftsdienstes über die ganze Woche ist ein weiterer Schritt zur Attraktivierung des Berufes bzw. zur Entlastung des Nachbesetzungsdruckes in Salzburgs Kassenallgemeinmedizinordinationen.
  • Flexible Gruppenpraxislösungen – das Salzburger Erfolgsmodell moderner Kooperationsformen: Gruppenpraxen und Jobsharing-Praxen

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